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Jemima

Jemima | 31 | Mode-Journalistin aus Berlin

Auf NEON.de:
„Ich bin nicht farbig. Ich bin braun.“


Magst du deinen Afro?
Geht so. Den wollen viele Leute anfassen. Das nervt.

Woher kommt dein Name – Jemima?
Von meinem Vater. Der Name ist hebräisch und stammt aus dem Alten Testament. Er bedeutet Täubchen. Oder, je nach Übersetzung, „so schön wie der Tag“.

Wenn die Leute deine Hautfarbe thematisieren, was sagen sie?
Am häufigsten Mulattin. Als Kind auch oft Mischling, farbig oder schwarz. Viele lassen sich auch gerne etwas einfallen. Es kommt vor, dass ich für sie afrikanisch oder fremdländisch aussehe. Eigentlich ist mir schon alles Mögliche begegnet. Manche Leute sagen auch: „Oh! Du hast so eine schöne Cappuccino-Farbe. Die hätte ich gerne für mein Baby“.

Denkt man dann: Geht’s noch?
Ach, nee. Für mich waren diese Begriffe nicht wirklich verletzend. Ich merke aber bis heute, dass es für viele Leute in Deutschland heikel ist, Hautfarbe zu thematisieren. Die meisten haben sich wahrscheinlich noch nie damit auseinander gesetzt. Als Kind habe ich mich oft mit dem arrangiert, was so kam. Wenn etwas verletzend war, dann die Tatsache, dass ich recht früh gemerkt haben, dass ich für andere nicht einzuordnen war.

Interessanterweise stand der Begriff „farbig“ ja für den Versuch, einen politisch korrekteren Begriff für „schwarz“ zu finden, weil man glaubte, „schwarz“ sei negativ konnotiert.
Ich bin nicht farbig. Farbigkeit hat für mich etwas mit Malstiften zu tun.

Welches Wort würdest du für deine Hautfarbe benutzen?
Ich bezeichne mich als braun oder Afro-Deutsch. Das habe ich selbst irgendwann als Erwachsene für mich so definiert. Damit fühle ich mich am wohlsten.

In Deutschland wird braun aber auch mit den Nazis assoziiert. Stört dich das?
Das stimmt, darüber habe ich auch schon oft nachgedacht. Aber es ist für mich die korrekte Bezeichnung für meine Haut, das ist dann leider ein blöder Zufall.

Deutsch/braun/weiblich: Welche Vorteile hat man?
Den Exotenbonus.

Wie alt warst du, als dir aufgefallen ist, dass du dich immer wieder erklären und definieren musst?
Früh. Mit sechs bin ich auf eine Waldorf-Schule gekommen. Ich war ein sehr schüchternes Kind und jahrelang das einzige braune Mädchen dort.

Für dich gab es also definitiv kein Verschwinden in der Masse?
Nein, im Gegenteil. Ich war exponiert und wurde angeschaut.

Nervt das oder genießt man das auch?
Ich habe meine Hautfarbe nie als etwas Negatives gesehen. Durch die Liebe meiner Mutter und meiner Freunde habe ich mich eigentlich immer als etwas Besonderes empfunden: Trotz der Andersartigkeit – oder gerade wegen ihr. Doch ich war in fast allen gesellschaftlichen Kontexten das einzige braune Mädchen. Obwohl wir oft in Afrika waren, hatte ich mit Beginn der Pubertät Schwierigkeiten, meine Identität zu definieren. Auf eine Art war es eine schizophrene Situation: Einerseits, ich bin etwas Besonderes. Andererseits, ich werde nie so sein wie die anderen. Ich war nun mal ein Mittelding zwischen schwarz und weiß. Nie das eine. Nie das andere. Irgendwann habe ich begonnen, sehr viel Soul, Jazz, HipHop und Afrobeat zu hören.

Das half?
Ja, sehr. Vor allem die Texte und der Vibe. Musik war immer mein Ventil. Zur gleichen Zeit habe ich Humor für mich entdeckt. Zu Beginn war es vor allem ein Tool, meine Schüchternheit zu kompensieren.

Und später?
Humor wurde ein großer Teil meiner Persönlichkeit. Ich bin bei dem Thema meiner Hautfarbe weder in eine Abwehrhaltung noch in eine aggressive Position gegangen. Ich habe versucht, diplomatisch zu sein und anderen zu erklären, dass ich die Begriff, die sie sich für mich überlegt haben, nicht richtig finde.

Das klingt relativ abgeklärt.
Ja! Ich entwickelte eine freche und humorvolle Art, um im Schulalltag mit Sprüchen zu dealen wie „Da kommt das schwarze Schaf“, wenn ich einen selbstgestrickten Wollpulli trug. Schlagfertigkeit wurde meine Waffe, ich drehte die Sprüche um und richtete sie gegen den Absender. Manchmal habe ich dabei Grenzen überschritten und Leute sprachlos zurückgelassen.

Sind selbstgestrickte Pullis nicht das normalste der Welt auf Waldorf-Schulen der Neunzigerjahre?
Das schon. Aber Rassismus findet sich auch in vermeintlich Grünen-Öko-„Ich-tanze-dir-meinen-Namen“-Welten. Ich würde sagen, die Leute in solchen Kreisen sind sogar etwas einfallsreicher als andere. Bei einem Shakespeare-Theaterstück in der Schule, bei dem ich die Hauptrolle spielte, ging kurz vor der Aufführung ein Junge aus meiner Klasse an mir vorbei und meinte: „Du bist definitiv zu lange im Ofen gewesen“. Waldorf-Schule hin oder her, Rassismus gibt’s überall.

Kinder können einfallsreich und grausam sein. Aber ist es dann immer Rassismus?
Explizite Sprüche wie „zu lange im Ofen“ oder „schwarzes Schaf“ standen für mich immer in einer direkten Verbindung zu meiner Hautfarbe. Humor hilft zwar nach außen, aber nicht immer nach innen. Ich bin sehr sensibel. Diese Dinge haben mich verletzt. Während meiner dreizehn Jahre an dieser Schule gab es nun mal wenige ausländische Kinder. Meine beste Freundin war Russin, aber ich habe eigentlich nie mitbekommen, dass sie deswegen geärgert wurde.

Welche Klischees nerven am meisten?
Wenn man in diesem Land nicht zur Norm gehört, begegnen einem die unterschiedlichsten Klischees, negative wie positive. Einerseits bekommt man Vorschuss-Lorbeeren von Leuten, die einen gar nicht kennen. Andererseits ist man immer Alltags-Rassismus ausgesetzt. Beides hat viele Ausformungen. Beides nervt.

Hat dein schlagfertiger Humor mal versagt?
Ja. Als ich 15 war, fing ich an, mich mit meiner Position, meinem Geschlecht und Aussehen wohlzufühlen. War sogar stolz darauf. Ich wusste, wo ich stehe. Dann war ich mit meiner Mutter an der Ostsee im Urlaub. Im Supermarkt ging ein Mann an mir vorbei und flüsterte: „Verpiss dich, du Negerfotze“. Ich war so versteinert, dass ich nichts entgegnen konnte. Die ganze Situation hat mich geschockt.

Wo stehst du heute?
Wieder in Berlin. Als Systemischer Coach möchte ich Menschen helfen, ihre Ziele zu erreichen. Ich bin schwanger und ziehe bald mit dem Vater meines Kindes zusammen. Wir kennen uns erst seit Dezember, wussten aber schon bei unserer ersten Begegnung, dass wir irgendwie zusammengehören. Man könnte sagen, wir sind das Gegenteil von der „Generation Beziehungsunfähig“. Sicherheit in der Liebe gibt es nie, aber man muss irgendwann mal Verantwortung übernehmen und etwas wagen.

Mai 2016, Berlin