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Marnie

Marnie | 24 | Studentin der Erziehungswissenschaften in Berlin

" Ich wusste nicht, wie viel sexuelles Verlangen mir zusteht"


Wie oft beschäftigt dich, was andere über dich denken?
Mittlerweile habe ich Tage, an denen ich zu mir selbst stehen kann. Aber oft denke ich immer noch viel über meine Außenwirkung nach. Es gibt Phasen, in denen ich extrem an mir zweifele.

Stimmt es, dass die Generation Y so unglücklich ist?
Wir sind wohl die Generation mit den scheinbar unendlichen Möglichkeiten. Eine Ansammlung unglücklicher Individualisten, die an ihren Träumen zerbrechen. Sie scheitern an ihren eigenen Ansprüchen und ihrer Ich-Bezogenheit, sie entwerfen konstruierte Selbstbilder, die schon bei geringsten Widerständen zerbrechen. Da hilft meist auch keine Selbstfindungsreise nach Südostasien.

Dein Instagram-Account ist voller feministischer Kommentare, aber auch intimer Bilder.
Wenn ich malen könnte, würde ich vielleicht auf solche Weise meine Gefühlswelt verarbeiten. Kann ich aber nicht. Bilder und Statements sind meine Art, mich auszudrücken. Einfach nur ein Foto von mir beim Essen zu posten, fände ich nicht befriedigend. Und ja, oft rücke ich mich in meinen Posts in den Mittelpunkt, das hat sich in den letzten Jahren so ergeben.

Darin offenbarst du auch sehr traurige Gefühle.
Das finde ich wichtig. Ich will nicht tausend glückliche Mädchen mit ihren Happy-Daumen-Hoch-Selfies auf Instagram sehen. Das ist nicht die Realität. Mir geht es halt manchmal scheiße. Ich finde es wichtig, sich in diesen Momenten zu akzeptieren und jedes Gefühl zulassen. Deshalb ist es sinnvoll, das auch öffentlich zu zeigen.

Hast du einen Privat-Account?
Nein.

Das heißt, du gehst zur Uni, und theoretisch kann jeder Kommilitone, der dir folgt, sehen, wie es dir geht?
Ja.

Kuratierst du deine Instagram-Seite andauernd oder glaubst du, dass du da dein wahres Ich zeigst, falls es so etwas gibt?
Einige Posts kommen tief von innen. Das ist dann 100% Marnie, zumindest für den Moment. Bei anderen schaue ich aus der Vogelperspektive auf mich herab – und, ja, inszeniere mich dann.

Schämst du dich auch mal für einen Post und löscht ihn am nächsten Tag?
Ich habe schon mal Fotos gelöscht, ja.

Was für Fotos?
Solche, die ich nicht mehr schön gefunden habe. Auch mal, wenn ein Exfreund mit drauf war.

Reagieren Leute manchmal komisch auf deine Art, dich digital zu offenbaren?
Kommt schon vor, ja. Ich habe mal ein Bild meiner nackten Beine gepostet, woraufhin sich einige Leute aus meiner Heimatstadt echauffiert haben.

Wegen nackter Beine?
Ja. Man sah meinen Genitalbereich nicht, man sah einfach nur Beine und ein Bett. Die Erklärung war, sie würden mich vor Vergewaltigung schützen wollen oder so. Ich bin richtig sauer geworden. Seitdem hat es mich umso mehr gereizt, noch offener und selbstbewusster auf Instagram aufzutreten. Ich habe einige solcher Erfahrungen aus meiner Jugend in Wolfsburg. Ich wünschte, ich wäre schon mit Beginn der Pubertät Feministin gewesen.

Was bedeutet es für dich, Feministin zu sein?
Ich fühle mich dadurch befreit und habe das Gefühl, ich kann alles sein und darf alles tun. Ich akzeptiere auch nicht, dass man die Frau immer so sexualisieren muss, wie zum Beispiel bei dem Foto meiner nackten Beine. Dagegen muss man sich wehren. Als Jugendliche hatte ich öfter das Gefühl, mich an die ganzen Benimmregeln und die mir als Frau zugedachten Rollen halten zu müssen.

Heute nicht mehr?
Nein. In meiner Jugend galt man schnell als Schlampe, wenn man mit vielen Leuten ins Bett ging. Ich hatte deshalb auch viele Beziehungen, die ich gar nicht wollte, weil ich immer dachte, ich muss mit den Jungs zusammen sein. Ich wusste nicht, wie viel sexuelles Verlangen mir zusteht. Auch hatte ich öfter das Gefühl, mich unterordnen zu müssen – entweder dem Partner oder den gesellschaftlichen Erwartungen. Heute bin ich offen für verschiedene – sagen wir mal – nicht-klassische Beziehungskonzepte. Meine vorletzte Beziehung zum Beispiel wurde recht schnell geöffnet. Ich konnte jedoch nie Sex ohne Gefühle haben, ich musste immer spüren, dass ich gemocht werde. Das ist bis heute so.

Bist du gerade in einer Beziehung?
Ja, es ist ganz frisch.

Ist diese neue Liebe eine offene Beziehung?
Mein neuer Freund und ich haben tatsächlich schon darüber geredet. Wir sind der gleichen Meinung: Hypothetisch kann es immer dazu kommen, dass man das Bedürfnis hat, mit jemand anderem eine Nacht zu verbringen. Vor allem, falls es sich zu einer längeren Beziehung entwickelt. Die Regel ist, sich nicht zu verlieben und keine Affäre zu beginnen. Wir haben beide gesagt, dass es nicht geht, jemanden emotional zu betrügen, oder über einen längeren Zeitraum mit jemandem anderen zu schlafen. Doch, wenn man mal feiern ist, jemanden für einen Abend kennenlernt, dann ist das ok. Ich glaube, wir sind beide von der Vorstellung ganz angetan, am nächsten Morgen zusammen zu frühstücken und uns davon zu erzählen. Gerade haben wir beide aber keine Lust dazu.

Hast du keine Angst vor Verlust, Misstrauen, Verletzungen?
Ich habe manchmal Verlust- und Versagensängste, doch nicht in Bezug auf Sexualität. Ich sehe das mehr als Selbst-Übung. Ich muss es nicht auf mich beziehen, wenn mein Partner Lust hat, mit jemand anderem zu schlafen. Ich möchte nicht von meinem Partner erwarten, dass er mir alles gibt und dass ich ihm alles geben kann. Das kann auch von diesem Druck befreien, dass man sich einander vollkommen genügen muss.

Kommst du beim Sex?
Ja. Sehr leicht. Immer. Würde ich auch als mein persönliches Talent bezeichnen.

Juli 2016, Berlin